Kirchenreform im 3. Jahrtausend

Redebeitrag von Prof. Dr. Wolfgang Nethöfel (Marburg)

  

Prof. Dr. Wolfgang Nethöfel

   

  

Der biblische, von der Reformation aufgegriffene Urimpuls ist ein Bußruf: „Kehrt um!“ Er erinnert an den liebevoll wartenden treuen Gott. Er lenkt den Blick auf seinen Boten, der feiernd und heilend, helfend und dienend auf ihn verweist. Sein „Folge mir nach!“ weckt die Sehnsucht nach einem Aufbruch in die weite Welt, der das ganze Leben neu orientiert. Auch wer zu Hause bleibt, betrachtet anschließend seine Welt aus der ökumenischen Perspektive jener davonziehenden frohen Schar: von draußen und von unten.

Die Orientierung an diesem Ursprung befreit die Kirche immer wieder aus weltlichen wie aus kirchlichen Bindungen. Der Blick vom Ganzen her auf das, was hier und jetzt in Deutschland der Fall ist, ist die Sache selbst. Nicht schon ökumenische Defizite, wohl aber die Reform-Wider­lager, die so sichtbar werden, richten Reformimpulse auf Reformziele aus.

Eine bessere Kirche heute

weist dem Kulturprotestantismus von Bibel, Bach und Buch seinen Platz zu im Weltbild des neuen Jahrtausends. Weltort und Weltzeit der Kirche ist das global vernetzte Raumschiff Erde, in dem nach dem Ende von Schrift- und Buchkultur christliches Orientierungswissen neu interpretiert werden muss.

wächst gegen den Trend, indem sie aus der Orientierungsfunktion der Weltreligionen für die Weltkultur ihre Zielsetzungen ableitet. Kirchenleitung bedeutet dann Mitwirkungs-, Gestaltungs-, ja Führungsverantwortung im Dialog der Religionen, gegenüber den weltweit wachsenden Pfingstkirchen und innerhalb der Weltbünde und des ÖRK. Sie regionalisiert Ökumene und sie macht regionale Kirche ökumenisch in europäischen Kontexten.

lockert die institutionelle Selbstbindung kirchlicher Organisation an Verwaltungs-, Körperschafts- und Beamtenrecht und an Steuerprivilegien. Wo immer die Selbsterhaltungsinteressen von Landeskirchen und Ortsgemeinden überwunden werden, erscheinen als alternative Weltge­stalten nicht nur Freikirchen, sondern auch globale Hilfsinstitutionen und Solidaritätsbewegungen, in denen sich christliche Orientierungsimpulse verweltlicht haben.

ist Weltheimat. Von oben, von draußen kommend, liegt das Schiff unten an Land. Wer das nicht vergisst, ist schon in der Heimat auf Kurs. Auch gute Gastgeber für Fremde und Heimatlose sind auf dem Weg dorthin. Sie gestalten heilige Orte und Zeiten, an denen sie nach großer Fahrt zur Ruhe kommen. Aber ihre Heimat bleibt das Meer, über denen die Sterne ihrer Sehnsucht leuchten.

Das Reformpapier kann als Ruf in die ökumenische Weite des Christentums hierzulande gelesen werden. Dann orientiert es zu Lande wie zu Wasser. Denn die Kennung eines jeden Leuchtfeuers ist definiert als eine charakteristische Abfolge von Hell- und Dunkelintervallen. Die EKD kann sich zum Reformauftrag das Mandat erwerben, indem sie solche orientierenden Ereignisse, Projekte und Menschen fördert oder auf den Weg bringt und in nachhaltigen Lernprozessen miteinander vernetzt. Benchmarking nach Leuchtfeuer-Vorgaben richtet die Reformimpulse so aus, dass sie alte Strukturen entkoppeln und neue Bindungen eingehen können. Das wird nach Wittenberg der entscheidende befreiende Schritt zur Kirchenverbesserung sein.

  

  

Qu: Nethöfel (IWS)

Foto: Privat

Link: IWS-Marburg