Aufbruch in die zukünftige Gestalt der EKD
Von Reformen und Reförmchen in der Reformdekade
„Erst wenn das Kind die Herdplatte berührt hat, wird es lernen ... und somit den eigenen Erfahrungshorizont auf künftige Gefahrenpotentiale projizieren können“, so lautet ein akademisches Statement aus dem Fachgebiet der Erziehungswissenschaften. Der Clou an der Sache ist aber auch, dass jenes Kind danach sicherlich seine Geschwister davor abhalten wird, ebenfalls die rotglühende Platte einmal anzufassen. Warum aber in Zeiten knapper werdender Kassen und allgemeinem Mitgliederschwund jede Gliedkirche der EKD sich erst selbst die Hände verbrennen muss, ist hingegen kein Gegenstand der Pädagogik, sondern wäre wohl eher den paranormalen Grenzwissenschaften von „Akte X“ zuzuordnen.
Und so werden hier und dort immer neue Reformen und Reförmchen ausprobiert – die von der EKD unterstützte Sammlung von Erfahrungen „der Anderen“, wie sie in der Reformdatenbank (www.kirchenreform.de) abrufbar sind, findet derweil kaum Beachtung. Denn das Rad immer wieder neu zu erfinden lässt sich lokal viel besser als Innovation verkaufen und dient zugleich als Deckmantel für die eigenen Lücken, die andere Reformansätze am eigenen Konstrukt aufzeigen würden. Auch „Erfahrungen“ aus anderen Bereichen wie den kommunalen (Verwaltungs-)Reformen oder der freien Wirtschaft finden offenbar nur begrenzt die Aufmerksamkeit.
Aber gerade in den jüngsten innerkirchlichen Reformvorhaben und Regionalisierungsansätzen stellt sich in der Reflexion der Zwischenergebnisse schnell die Frage: „Haben wir die Regionalisierung richtig angefangen?“ Findet Regionalisierung nur aus der Not heraus statt, weil man sich keinen Gemeindepädagogen pro Gemeinden mehr leisten konnte oder wollte? Und wie kann mit dieser Herausforderung umgegangen werden, wo viele Kirchen auch in anderen Berufsgruppen Stellen reduzieren müssen? Und diese Herausforderung betrifft schon heute in vielen Landeskirchen auch die Pfarrstellen und in Diskussionen wird immer häufiger das Ende der parochialen Struktur der alten Wohlstandskirche angemahnt. Wenn Kirche unter sich verändernden Rahmenbedingungen vor Ort und in der Gemeinde neu gestaltet werden muss, wird man von der „Generalisierung“ und „Fixierung“ auf ein Pfarramt wegkommen müssen. Und anstatt allen Aufgaben hinterher jagen zu wollen wird man die Frage nach Schwerpunkten thematisieren müssen. Zukünftig wird in der Kirche mehr Eigenverantwortung und die Beteiligung von den Gemeindegliedern einzufordern sein. Viele Praxisbeispiele machen deutlich, dass es auch gewaltige Potentiale und innovative Ideen in den ehrenamtlich geprägten Strukturen gibt.
Häufig gestaltet sich aber die Ausgangssituation für die notwendigen Veränderungen als schwierig, insbesondere wenn mit der Regionalisierung auch Sparmaßnahmen und Kürzungen einhergehen, weil die Geldfrage immer Ängste weckt: Wo müssen Stellen gekürzt werden? Behalte ich meine Stelle? Muss ich Dinge aufgeben, die ich lieb und teuer gewonnen habe? Bei der Regionalisierung als Reform- oder Innovationsprozess darf nicht vergessen werden, die Menschen mitzunehmen. Wie in einer guten Predigt müssen sie an ihrem Standort abgeholt werden, weil die anstrengende Reise nur gemeinsam geschafft oder zumindest erfolgreich und zufriedenstellend (Konsens) umgesetzt werden kann. Aber wie können Menschen für die nötigen Reformschritte gewonnen werden? Wie kann man Gemeinden dazu überzeugen, sich auf die Regionalisierung einzulassen. Regionalisierungsvorhaben stehen unter schlechteren Startbedingungen, deren Hauptanliegen eben nur die Reduzierung von Kosten und (Pfarr-)Stellen ist. Das ist aber bei den meisten Reformvorhaben der Fall. Insbesondere muss aber eine Vermischung von Effektivität und Effizienz vermieden werden. Der Abbau von Aufgaben- und Handlungsfelder aus finanziellen Gründen darf nicht so vermittelt werden, als sei dort vorher schlechte Arbeit geleistet worden.
Was für die Fusion von Gemeinden und Kirchenkreis gilt, lässt sich auch auf die angestrebte Zusammenlegung von Landeskirchen übertragen. Während es im Vorfeld zum ersten Zukunftskongress der EKD in Wittenberg vielfältige Diskussionen über das Impulspapier des Rates der EKD gab und in so manchen Stellungnahmen auch die Kritik überwog, habe ich den Eindruck, dass es in den Leuchtfeuer-Foren während des Kongresses in der Lutherstadt sehr schnell beachtliche konstruktive Ansätze und zukunftsweisende Impulse gab. Ich selber habe im Forum 12 mitdiskutiert, in dem es um die künftige Gestalt der EKD ging. Und obwohl wir in unserer Diskussionsgruppe gleich mehrere kirchenleitende Theologen hatten, konnte man sich schnell über nötige Reformschritte einige, die über die Grenzen der alten Landeskirchen hinausragten. Und wir wurden auch gleich konkret, als darum ging, wie und mit welchen Schritten man bisherige Kompetenzzentren erheben und bewerten und neue in Trägerschaft der EKD oder in gemeinsamer Trägerschaft durch mehrere Landeskirchen aufstellen könnte. Schnell wurden auch die Bewerbungsfreiheit und Auflösung des Landeskinderprinzips für den Theologischen Nachwuchs oder einheitliche Rechtsvorschriften eingefordert. „Soviel Vielfalt wie nötig, soviel Einheit wie möglich“, stand als Motto im Raum, in dem wir uns schnell darüber einig waren, dass man bei einer gestärkten EKD nicht von Zentralisierung, sondern von einer Vereinfachung und Stärkung eigener Interessen zu sprechen habe. „Es geht darum, dass wir gemeinsam als Evangelische Kirche auch erkennbar sind“, hatte der Ratsvorsitzende, Bischof Dr. Wolfgang Huber in unserem Forum angemahnt, als es auch darum ging, einheitliche Qualitätsstandards für die Bereiche Gottesdienst und Bildung anzustreben.
Mit dem Impetus meines eigenen Redebeitrages im Plenum des Kongresses hatte ich auch wieder die Forderung unterstrichen, den Status der Landeskirchen zu überprüfen. Im Zeitalter von vielfältigen ökumenischen Beziehungen und globaler Verantwortung können wir uns meiner Meinung nicht länger durch die eigenen Binnenstrukturen lähmen und für Innen- wie Außenstehende unglaubwürdig machen. Wenn „Fürstentümer“ aus dem Jahre 1815, die unlängst politisch überholt sind, weiterhin ihre autonomen Machtansprüche einfordern, schadet dies nur den Bemühungen, den Protestantismus in Deutschland zukunftsfähig zu machen. Dabei geht es mir nicht um die Auflösung der Regionen als Regionen besonderer Art. Aber in demokratischer Ordnung synodaler Strukturen wäre es nur konsequent, die Rechts-, Personal- und Finanzhoheiten in die gemeinsame Synode der EKD zu übertragen und bisherigen Landessynoden als Mittlere Ebenen für ihre regionalen Aufgaben einzubetten. Denn im Moment sind unsere Strukturen noch schlechter aufgestellt, als der regelmäßig scheiternde bundesdeutsche Föderalismus oder die verwaltungsaufwendige Europäische Union, denn die quasi machtlose EKD-Synode ist stets auf den guten Willen aller Klein- und Kleinstsynoden angewiesen, um bundesweite gemeinsame Absprachen umzusetzen. Und hier herrschen bisher Skepsis, Ängste vor Machtverluste und die „Hermeneutik des Verdachts.“ Dies wurde meiner Meinung auch sehr deutlich, als auf dem Zukunftskongress die Redebeiträge ausgelost wurden und per „Zufall“ der einzigste Bischof indirekt genau dieses Thema anschnitt. Dass ein lutherischer Bischof die „Kirche Jesu Christi“ gegen eine „Kirche der Freiheit“ auszuspielen versuchte, beunruhigt mich weniger, denn aus dem universitären Umfeld ist man in der Bandbreite protestantischer „Theologie“ so manches gewohnt. Aber dass der Faktor „Machtverlust“ ausgerechnet durch den Bischof angesprochen worden ist, dessen Gliedkirche sich genau aus der selben Skepsis heraus bis dato noch drei Bischofsitze leistet, halte ich für sehr signifikant. Dass die Frankfurter Rundschau die Rede von Bischof Dr. Knuth gleich als Generalangriff auf den EKD-Ratsvorsitzenden interpretierte, mag nur journalistische Freiheit sein.
Umso offener waren die Diskussionen zum zwölften Leuchtfeuer, wo gleich mehrere Kirchenleitungen den Forderungen nach der Überprüfung der Autonomie von Landeskirchen zustimmten. Und so plädierten die Vertreter aus Westfalen, dem Rheinland und Hannover, einen Kriterienkatalog aufzustellen, ab wann eine Landeskirche wirklich selbständig und überlebensfähig sein könne. Überraschend war für mich, dass auch Landesbischof Jürgen Johannesdotter aus Schaumburg-Lippe in der offenen Diskussionsrunde gleich die Auflösung der Landeskirchen forderte, wo er doch im Vorfeld in vielen Medien das Impulspapier kritisiert hatte. Dies mag vielleicht auch nur eine Taktik sein, nach dem Motto: „Ich verzichte auf meinen Lohn, wenn es alle anderen auch tun.“ Doch schlussendlich war der Wille zu Reformen in Wittenberg deutlich wahrnehmbar und in diesem Sinne kann man auch nur dem Ratsvorsitzenden beipflichten: „Es führt kein Weg zurück.“
Nun aber sind die Landeskirchen an der Reihe, die ausgerufene Reformdekade von 2007 bis 2017 zu gestalten. Für weiteres hat die EKD auch bisher kein Mandat, und vor allem auch kein Geld. Schon allein der erste Zukunftskongress sei aus dem laufenden Haushalt finanziert worden, womit fast das alltägliche Geschäft gefährdet worden sei. Nun sind die Landeskirchen gefragt. Bisher steht nur die nächste EKD-Synode in diesem Zeichen, sowie die im Schlusswort des Kongresses als einer der wenigen konkreten Ausblicke formulierten Idee einer Zukunftswerkstatt in Barmen. Generell waren mehrere Jugenddelegierte vom Schlussplenum eher enttäuscht gewesen, waren doch die meisten konkreten und weiterführenden Schritte in den Zusammenfassungen der Ergebnisse ausgelassen worden. Dies wollen einige Studenten nun mit einer Dokumentation der Forenergebnisse aufholen, die in diesen Tagen unter der Internetplattform www.netzwerk-kirche-der-freiheit.de abrufbar sein wird.
Ganz im Zeichen von Wittenberg wird auch das Netzwerk „Gemeinde und funktionale Dienste“ den Impuls, verstärkt über neue und alternative Gemeindeformen nachzudenken, auf seinen zukünftigen Tagungen verfolgen. Zufrieden zeigte sich der Sprecher, Prof. Dr. Wolfgang Nethöfel, dass nun auch einzelne Landeskirchen die Idee der Reformdekade aufgreifen und Folgetagungen zu Wittenberg arrangieren. So hatte der Schirmherr der letzten Netzwerktagung vom 9. bis 11. Februar, Präses Nikolaus Schneider, nicht nur über die Reformen innerhalb der Rheinischen Kirche berichtet, sondern auch angekündigt, dass die Evangelische Kirche im Rheinland für den 6. März eine solche Folgetagung organisiere. Auch in den Evangelischen Kirchen von Hessen und Nassau sowie Hannover sind solche Nachtreffen geplant, damit die Impulse aus Wittenberg auch in der breiten kirchlichen Öffentlichkeit weiter thematisiert werden und bleiben. Zur Vernetzung solcher Ideen und Projekte dient neben der o.g. studentischen Initiative mit der Internetplattform auch die Kirchenreformdatenbank unter des Netzwerkes. „Wenn der EKD-Reformprozess Realität werden soll, dann geht es nur durch die Vernetzung einzelner Projekte“, betonte Prof. Dr. Wolfgang Nethöfel im Schlussplenum der Netzwerktagung in Kaiserswerth an Februar.
Mängel in der Kommunikation und fehlende Transparenz sind meist die Ursache für die mangelnde Motivation bei Reformprojekten. Es muss eine „win-win-Situation“ geben, aber dieser Gewinn allein motiviert noch nicht automatisch, Gewinne (auch versteckte) müssen erkennbar und erfahrbar gemacht werden. Wenn durch überregionale Kooperationen neue Handlungsfelder erschlossen werden und Funktionspfarrstellen in den Regionen errichtet werden, muss den (Kern-) Gemeinden vermittelt werden, dass dies auch für sie zum Nutzen und Vorteil sein kann. Gewinn kann auch heißen: „Es hat einen Wert, in der Region zusammen zu gehören.“
„Regionalisierung braucht ‚Mehrwert’, sowohl materiell als auch geistlich und ideell“, wurde Ende letztes Jahres auf einer Fachtagung zum Thema „Regionalisierung in der Kirche“ betont, die vom Zentrum für Organisationsentwicklung und Supervision der Ev. Kirche in Hessen und Nassau durchgeführt worden war. Es müssen Anreize geschaffen und kommuniziert werden, Regionalisierungen und Kooperationen zu wagen und zu bilden. Dabei sind finanzielle Einschnitte möglichst zu vermeiden, damit bei den Beteiligten nicht der Eindruck entstehe, ihr Wille und ihre Bereitschaft zur Reform würde bestraft. Und so formulierte ein Tagungsteilnehmer als ein Fazit: „In der Kirche darf es keine derartige Mehrwertsteuer geben.“
Stefan Bölts, 12.2.2007
Stefan Bölts ist Student
der Evangelischen Theologie
und Referent für Kirchenreformen
im Institut für Wirtschafts- und Sozialethik
in Marburg sowie Initiator der Internetplattformen
www.kirche-von-morgen.de und www.reformdekade.de
Der Artikel ist im KVI IM DIALOG erschienen: Ausgabe 1/2007, S. 31-33.
