Hier stehen wir – und müssen anders können

Die evangelische Kirche wagt sich auf die Spuren Luthers. Doch ihr Zukunftskongress und eine Alternativtagung machen deutlich: Das Führungspersonal droht den Kontakt zur Basis zu verlieren

aus: Publik Forum (Online) Nr. 3 9.2.2007

 

Thomas Seiterich und Christoph Quarch

 

Da steht er nun und kann nicht anders: Martin Luther, der Reformator, in Bronze gegossen – eine Ikone des Protestantismus auf dem Marktplatz zu Wittenberg. Menschenleer sind die Gassen, wenige Passanten trotzen dem eisigen Wind. Viele blicken sich suchend um. Sie sind fremd hier und wissen nicht, wo die Stadtkirche zu finden ist. Vielleicht suchen sie auch vergeblich nach vertrauten Symbolen: etwa nach den lila-weißen Fahnen der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Denn ihretwegen sind sie hier: als Teilnehmende eines Kongresses, der die Weichen für die Reise des Protestantismus in die Zukunft einer »Kirche der Freiheit« stellen soll.

Mit Bedacht hatten die EKD-Strategen Wittenberg als Tagungsort ausgewählt. Der Ort, von dem vor bald 500 Jahren die Reformation ihren Ausgang nahm, sollte den 300 Delegierten aus EKD und Landeskirchen eine Quelle der Inspiration sein. Als ginge es der evangelischen Kirche darum, mit einer vom Reformator entlehnten trotzigen Standfestigkeit auszurufen: Hier stehe ich, ich kann auch anders!

Doch mehr denn als Quelle der Inspira-tion entpuppt sich Wittenberg mit seinem Lutherdenkmal als Spiegel der Realität: Einsam steht die evangelische Kirche in einem zunehmend menschenarmen Land, scharf weht ihr der Wind des Wandels um die Ohren. Kaum blicken die Suchenden auf zu den Denkmälern der großen kirchlichen Vergangenheit. Schlimmer noch: Der Sturm der Zeit greift sie an. In diesem Falle hieß er Kyrill und verursachte wenige Tage vor Kongressbeginn einen Millionenschaden an der Wittenberger Schlosskirche. Dass dann auch noch die EKD-Fahnen verloren gingen, macht das Bild komplett: das Horrorszenario einer nicht mehr wahrnehmbaren evangelischen Kirche.

Und dennoch: Hier stehen wir und müssen anders können! Dieser Gestus sollte dem Zukunftskongress sein Gepräge verleihen: stolz, die bevorstehenden Probleme frühzeitig erkannt zu haben; zuversichtlich, sie durch zeitgemäße Maßnahmen bewältigen zu können. Ob durch Qualitätsmanagement für kirchliche Mitarbeiter, Konzentration auf Profilgemeinden, Bildung von Kompetenzzentren oder eine Reduktion der Landeskirchen: Der Ratsvorsitzende, Wolfgang Huber, zeigte sich vor Beginn der Konferenz überzeugt, gut für das »Nachdenken über eine auftragsgemäße Gestaltung der Kirche« gerüstet zu sein.

Begonnen hatte dieser Aufbruch im Sommer 2006 mit der Veröffentlichung des Papiers »Kirche der Freiheit«, das eine vom Rat der EKD eingesetzte Kommission erarbeitet hatte. Die gewünschte Reaktion blieb nicht aus: Überall in Deutschland entzündeten sich Debatten über die dort unterbreiteten Vorschläge und »Leuchtfeuer«. Sie sollen das Schiff der Kirche sicher ins Jahr 2030 leiten.

Erste Etappe ist der Kongress. Er dient, so Huber, der »Beschleunigung, Intensivierung und Vertiefung« des angestoßenen Prozesses. Und das geht so: Beim Anfangsplenum dürfen per Losverfahren auserkorene Teilnehmende ihr Votum verlesen, später dann verteilen sich die Delegierten auf Arbeitsforen. Viele Worte werden in Wittenberg gesprochen, doch wenig bleibt haften. Nur als der nordelbische Bischof Hans-Christian Knuth zum Rundumschlag ausholt, geht ein Rumoren durch die Reihen: »Das Impulspapier atmet nicht den Geist der Freiheit, zu der uns Christus befreit hat«, empört er sich. So deutlich wird sonst niemand. Aber vielleicht war das Plenum ja auch schon zu sehr eingelullt durch die Andacht der Landessuperintendentin Oda-Gebbine Holze-Stäblein, die als visionäres Bild der Kirche einen liegenden Menschen beschwört: »mit ausgebreiteten Armen, zum Himmel geöffnet«. – Etwa doch: Hier liege ich, ich kann nicht anders ...?

Derweil treiben Schneeflocken durch die Gassen der Lutherstadt. Doch im Kirchlichen Forschungsheim gegenüber dem Lutherhaus herrscht dank einer neuen Bio-Heizung kuschelige Wärme. Hier arbeitet der »Alternativkongress«. Gut 30 Teilnehmende aus ganz Deutschland sind zur Tagung »Kirche der Befreiung sein« gekommen. Geladen hat die bundesweite Evangelische Studierenden-Gemeinde ESG sowie die Initiative Kirche von unten.

Wird hier, gleichsam »von unten«, ein krachender Kontrapunkt zum Zukunftskongress der EKD gesetzt – zu einem Kongress, der deutlich von kirchenleitenden Männern und Frauen dominiert wird, die »von oben« die Zukunft für das evangelische Deutschland umreißen wollen? Konfrontation, prophetisches Nein? Fehlanzeige. Lediglich ein »Begleitprogramm« wolle man anbieten, ein »Mitdenken«, erklärt Ulrich Falkenhagen, Generalsekretär der Bundes-ESG, die rund 150 evangelische Studierenden-Gemeinden vertritt.

Die Handvoll Journalisten, die den Weg zur Eröffnungspressekonferenz des Alternativtreffens fand, zieht enttäuscht von dannen: zu wenig Dramatik, die sich beschreiben ließe, zu wenig Konfrontation. Viel spannender freilich geht es beim »großen Kongress« auch nicht zu. Im Tagungs- und Kulturzentrum vis-à-vis langweilen sich die Medienleute. Zu den Arbeitsforen sind sie nicht geladen, und so interessiert man sich mehr für die kultige Bar im original 70er-Jahre-DDR-Design als für das, was man bisher zu hören bekam. Denn abgesehen von dem lakonischen Paukenschlag des Schleswiger Bischofs und einigen lustigen Statements jüngerer Delegierter zog sich eine Linie eher verhaltener Kritik durch die Voten.

Beispiel: »Der Schwerpunkt des Impulspapiers liegt vorwiegend im innerkirchlichen Bereich und läuft somit Gefahr, die gesellschaftliche Lebenswirklichkeit aus dem Blick zu verlieren«, verkündet als erste die vom Losglück begünstigte Rednerin Katharina Katt. Sie spricht darin aus, was offenbar viele fürchten: dass der von den Strategen in Hannover angestrengte Zukunftsprozess an der gläubigen Basis vorbeigeht. Eine Sorge, die der Theologe Jan Hermelink unterfüttert, wenn er bemerkt, dass es gerade die »kirchlich hoch Engagierten« sind, »die den aktuellen Umbrüchen mit viel Ambivalenz gegenüberstehen«. Am Ende, so Isolde Kahle aus Bochum, bestehe die Gefahr, dass das Projekt »Kirche der Freiheit« einer »Kirche der Distanz« den Weg ebne, bei der sich Basis und Kirchenleitung einander entfremden.

Ja, die Basis. Auch beim Alternativkongress stellt man sich die Frage: Was tun mit dem Impulspapier der EKD? »Wir wollen dabei sein, in der Diskussion«, sagt Ulrich Falkenhagen. Ein bescheidenes Ziel. Vielleicht sitzt der Frust schon zu tief. Die Sorgen jedenfalls sind groß; etwa bei denen, die auf Sonderpfarrstellen tätig und finanziell von der EKD oder von Landeskirchen abhängig sind. Geht es ihnen in Zukunft an den Kragen? Andreas Seiverth, der Bundesgeschäftsführer der Deutschen Evangelischen Arbeitsgemeinschaft für Erwachsenenbildung, stellt provozierend in den Raum: Aus dem Blickwinkel des Zukunftspapiers sind wir die »Loser«.

Auch theologische Kritik wird laut. Uwe-Karsten Plisch, theologischer Referent der Bundes-ESG, unterzieht das Zukunftspapier einer exegetischen Analyse. Dem jungen Neutestamentler geht es darum, die »Theologie« des Impulspapiers aus dessen 110 Seiten herauszuschälen. Ganz entgegen der Absicht seiner Autoren, die öffentlich erklären, ihr Text enthalte keine Theologie. Plisch kritisiert, die Frage, wie die Zukunft der evangelischen Kirche gestaltet werden solle, werde nicht von der Bibel her gedacht, Bibelzitate seien »freihändig in den Text des Zukunftspapiers eingestreut«. Einen katholischen Teilnehmer des Alternativtreffens bewegt das zu dem Seufzer: »Die gehen so beliebig mit der Bibel um wie der Vatikan.«

Dass dem Impulspapier bis dato ein Offenlegen seiner theologischen Grundlagen fehlte, ist auch den EKD-Vordenkern nicht verborgen geblieben. Was hätte da näherliegen können, als an der Wirkungsstätte Luthers das Versäumte nachzuholen? Das freilich muss Chefsache sein. Und so wird der Eröffnungsabend in der Wittenberger Stadtkirche zur großen Stunde des Wolfgang Huber. Gut 60 Minuten währt sein Hauptvortrag »Evangelisch im 21. Jahrhundert«. Und er gerät zu genau der theologischen Grundsatzerklärung, die dem Impulspapier »Kirche der Freiheit« einen festen Halt in Geschichte und Tradition des Protestantismus geben könnte.

Der Würde des Ortes entsprechend und dem Titel des Impulspapiers folgend geht es in Hubers Ansprache um nicht mehr und nicht weniger als die »Freiheit eines Christenmenschen« – jene Freiheit, die zu entdecken und zu verkünden im 16. Jahrhundert die »Druckwelle« der Reformation ausgelöst hatte. »Sie ist«, so Huber, »Freiheit von der Sünde und Freiheit zum Gotteslob.« Und es sei ebendieses »weithin leuchtende Feuer der ›ewiglichen Freiheit‹, diese Freiheitsglut des christlichen Glaubens, die uns auch im 21. Jahrhundert zu tragen vermag«.

Klar ist für Huber freilich, »dass wir heute neu und anders von der Freiheit erzählen müssen, als es Luther in Wittenberg vor bald fünfhundert Jahren tat« – nicht so, wie der Reformator also, dessen Predigtdienst von Lukas Cranach auf dem Altarbild der Stadtkirche zu Wittenberg verewigt wurde – just im Hintergrund des vortragenden Ratsvorsitzenden. Das Bild zeigt Luther auf der Kanzel. Die eine Hand ruht auf der Bibel, die andere weist aufs Kreuz. Und dann ist da noch, in großem räumlichen Abstand zum Prediger, das Volk.

Ein Bild, das wie ein Spiegel wirkt. Denn je weiter die Rede Hubers voranschreitet, desto weiter scheint er sich von der Versammlung der Kongressteilnehmenden zu entfernen. Merkwürdig blass bleibt, was er als zeitgemäße Erzählung von der Freiheit des Christenmenschen anbietet: Sie sei nicht äußere Freiheit, sondern Freiheit des »inneren Menschen« – ein »Freiheitsbewusstsein, das sich von allen selbst gemachten Bedingungen und Folgen ebenso unabhängig weiß wie von allen äußeren Bedingtheiten und Bestimmtheiten«. Dann folgen ausführliche Darlegungen über den evangelischen Gottesdienst und das evangelische Kirchenverständnis. Am Ende ist alles gesagt, und alles war richtig. Es gibt reichlich Applaus für Wolfgang Huber. Ein Ruck aber ist nicht durch die Reihen gegangen. Der Ratsvorsitzende hat die Köpfe erreicht, nicht aber die Herzen.

Manchem Kongressteilnehmer kommt an diesem Abend ein Verdacht. Es scheint, als könne in Hubers Rede etwas beunruhigend Wahres über den Protestantismus ans Licht gekommen sein: Könnte es etwa sein, dass gerade das Konzept der Freiheit, das wie ein Zentralgestirn über ihm leuchtet, nicht (oder nicht mehr) die innere Kraft aufbringt, Menschen zum Aufbruch zu bewegen? Könnte es sein, dass die evangelische Kirche die Menschen deshalb nicht mehr erreicht, weil sie eine Freiheitssehnsucht zu stillen verspricht, die nicht mehr die Sehnsucht moderner Westeuropäer ist? Erreicht sie die Menschen nicht mehr, weil sie ein intellektuelles Konzept propagiert, aber nicht das Herz der Menschen berührt?

Claudia Bender kommen solche Gedanken nicht in den Sinn. Für die frühere Macherin von Sabine Christiansens Talkshow liegt das Kernproblem der Evangelischen darin, dass sie zu wenig medientaugliche Köpfe vorweisen können. Bender ist als externe Referentin zu einer Abendveranstaltung über »Kommunikation und Profilbildung – Marke Evangelisch« eingeladen. Mit ihrer Einschätzung, das Problem des Protestantismus sei zu einem nicht geringen Teil ein Personalproblem auf der Ebene seiner Repräsentanten, zieht sie freilich den Unmut manch eines Kirchenleitenden auf sich. Die Nacharbeit im Luther-Hotel dauert bis spät in die Nacht.

Auch beim Alternativkongress hat man sich externe Experten ins Boot geholt. Zu Gast ist Dieter Becker. Der dynamische Mittvierziger ist Strategie- und Unternehmensberater – als seit Jahren auf eigenen Wunsch beurlaubter Pfarrer. Becker hat wiederholt evangelische Institutionen gecoacht. Er kennt den Protestantismus. Am Revers seines nachtblauen Jacketts blinkt ein Kreuz, während er ein Gegenbild zum Zukunftspapier entwirft: »Kirche als Netzwerk«. Problematisch seien vor allem die zentralistischen Tendenzen sowie das starke Von-oben-nach-unten des Impuls-Prozesses. Doch es gebe auch Gutes: »Wann hat sich der deutsche Protestantismus zuletzt so weit öffentlich aus dem Fenster gelehnt? Und wann hat er zuletzt den Mut gehabt, sich so öffentlich und so laut mit sich selbst zu beschäftigen?« Hier wachse ein neues evangelisches Selbstbewusstsein.

Zuletzt stellt sich der Alternativkongress einer kniffligen Aufgabe. Auf Anstoß von Becker formulieren die Tagungsteilnehmer – typisch evangelisch – in mühsamen Stunden »9,5 Thesen« zur Zukunft ihrer Kirche (9,5 Thesen: www.ikvu.de). Mit ihnen, so IKvu-Pressesprecher Plisch, melde ein kritischer Teil des deutschen Protestantismus den Anspruch an, in die Zukunftsdebatte der evangelischen Kirche einzugreifen.

Dass er dort Gehör findet, ist unwahrscheinlich. Denn allen Beteuerungen der Veranstalter zum Trotz: Am Ende kann der EKD-Zukunftskongress nicht die Sorge aus dem Weg räumen, der dort vorangetriebene Prozess laufe Gefahr, an Kirchenmitgliedern, Haupt- und Ehrenamtlichen vorbeizugehen – als eine Kopfgeburt im doppelten Sinne: zum einen ausgeheckt von Oberkirchenräten und Kirchenleitenden, zum anderen intellektuell klug, aber emotional kalt. Eine Welle der Begeisterung wird das evangelische Kirchenvolk nach Wittenberg jedenfalls nicht erfassen.

Kein Wunder, wenn man den Schlusspunkt jenes an Symbolen so reichen Wochenendes in Wittenberg bedenkt. Denn als am Ende des Kongresses die Delegierten eine Reihe von Empfehlungen formulieren, sticht darunter eine ob ihrer Konkretheit besonders hervor: »Der Begriff ›Laie‹ soll ab sofort nicht mehr benutzt werden.« »Laie« kommt von Laós, griechisch: das Volk. Vielleicht geht es ja auch ohne das. Steht doch auch Luther einsam auf dem windigen Marktplatz zu Wittenberg ... und kann nicht anders.

 

  

Qu: Publik Forum  Nr. 3  9.2.2007