Kirche im Umbruch

Die deutschen Protestanten wollen zwecks Zukunftssicherung kräftig renovieren - und das ist auch notwendig

  

Prof. Dr. Wolfgang Nethöfel

   

von Wolfgang Nethöfel

2030, eine Vision: Bei EKD denkt jeder an die evangelische Kirche, die vor Ort an sozialen Brennpunkten, in Kindergärten und Schulen beispielhaft engagiert ist, die sich immer wieder öffentlich zu Wort meldet und Themen setzt, wenn es um Menschen in Not und um Glaubensdinge geht, etwa beim Ladenschlussgesetz oder im Dialog mit den Muslimen,. 90 % aller Kinder sind mit der christlichen Kultur intensiv in Berührung gekommen. Die Mitglieder stehen für ihre Kirche ein. Kennzeichnend ist die hohe Zahl evangelisch getaufter Kinder in Ehen mit nur einem evangelischen Partner. Nahezu alle evangelischen Kinder werden getauft, fast alle treten nach dem Standesamt auch vor den Altar und werden schließlich kirchlich bestattet. Die Teilnahme an den Gottesdiensten hat sich mehr als verdoppelt, fast die Hälfte der Mitglieder nimmt regelmäßig an irgendeiner kirchlichen Veranstaltung teil.  Die Kirchenaustrittswelle ist gestoppt; allen Zuwanderungstendenzen zum Trotz liegt die Zahl der Evangelischen seit Jahren stabil bei weit über 30 % der Gesamtbevölkerung. Und die Evangelischen lassen sich ihre Kirche etwas kosten. 20 % ihrer Projektmittel sind gespendet oder durch professionelles Fundraising eingeworben. So wird sie immer unabhängiger vom Kirchensteuersystem.

Das Erfolgsgeheimnis dieser Kirche sind ihre motivierten Mitarbeiter. An der Basis ist sie vor allem präsent durch eine Art Elitetruppe: hochprofessionelle und hoch angesehene Pastorinnen und Pastoren. Sie leiten ein Gemeindeteam, in dem auch Menschen in Neben- und Ehrenämtern Gottesdienste halten, helfen, raten und trösten, taufen und beerdigen. Aber immer weniger ist das typische Clubangebot im weitmaschiger gewordenen Netz der Ortsgemeinden geistige Heimat der Menschen. Die verbliebenen neun großen Landeskirchen der EKD setzen ihre Personal- und Sachmittel zur Hälfte für Menschen ein, die über ein Thema, ein Projekt oder „bei Gelegenheit“ Gemeinde werden; neben die Verortung ist die Vernetzung getreten. Kennzeichnend für die neue Kirche sind regionale Dienstleistungs- und bundesweite Kompetenzzentren und Themenkirchen. Der Berliner Dom steht für Politik, der Hamburger Michel für den Dialog mit der Wirtschaft, vielleicht die Weißfrauenkirche in Frankfurt für die Diakonie.

 

Aufbruch in Wittenberg

Man kann also heute schon dieses Szenario von morgen mitgestalten. Das Reformationsjubiläum 2017 wird ein Meilenstein sein. Start ist der „Zukunftskongress“ der EKD vom 25. - 27. Januar in Wittenberg. Die fast schon unrealistisch ehrgeizigen Ziele und Zahlen, über die dort diskutiert wird, wurden von einer Kommission unter Leitung des Ratsvorsitzenden Wolfgang Huber erarbeitet. Am vorbereitenden Impulspapier „Kirche der Freiheit“, das jene „Perspektiven für die evangelische Kirche im 21. Jahrhundert“ beschreibt, wirkten Marlehn Thieme (Deutsche Bank) und Peter Barrenstein (McKinsey) mit, die Wirtschaftsprofis des Rates. Daran gemessen waren die kirchlichen Reaktionen im Vorfeld erstaunlich friedlich und konstruktiv. Einigen Lesern mag Hubers Fazit aus der Problemanalyse den Mund verschlossen haben. Wenn Trends und Zahlen einfach weitergeschrieben werden und die Kirche nicht handelt, droht ihr in wenigen Jahren „faktische Gestaltungsunfähigkeit“. Andere Insider waren vielleicht dank­bar, weil die Ursachen der jetzigen Reaktionsunfähigkeit nur sehr zurückhaltend benannt wurden: die bizarre landeskirchliche Organisationsform des deutschen Protestantismus (mit riesigem Doppel- und Abstimmungsaufwand), das durchgängige Selbstverständnis als staatsähnliche Verwaltung (von dem sich andere Kirchen und andere Verwaltungen längst aus eigener Kraft abgekoppelt haben), eine deutsch-geisteswissenschaftliche Theologie als Leitwissenschaft, die mit konkreten Organisationsfragen im Grunde ebenso wenig anzufangen weiß wie mit Naturwissenschaft und Technik.

Die Folgen zeigen sich in einer größer werdenden Distanz zur Diakonie, die kirchliche Identität als Markenkern auf dem Markt behauptet. Reaktionsunfähigkeit bedroht die Solidarität, ja die Einheit der EKD. Eine Sollbruchstelle wird erkennbar zwischen finanziell intakten Landeskirchen im Südwesten und finanziell nicht mehr intakten im Nordosten. Vor allem fehlt eine Rückmeldekultur, die Personal- und Organisationsentwicklung verzahnt. Der Ratsvorsitzende selbst repräsentiert ein Schiff, auf dem über den Kurs erst noch geredet werden muss. Erfolgreiche Reformer an Bord folgten bislang eher der Jagdtaktik der Krokodile am Sambesi: lange bewegungslos lauern und dann plötzlich zuschnappen.

Bedroht ist hierdurch eine deutsche Großorganisation, die aufgerufen ist, in Europa und in der Welt unterstützend, beratend und orientierend eine Rolle zu spielen. Ebenso wie die katholische Schwesterkirche Rom finanziert, finanzieren die EKD-Kirchen zu einem erheblichen Teil die weltweite Zusammenarbeit ihrer Konfessionsgemeinschaft in Genf. Wittenberg ist außerdem der historische Ursprungsort der am schnellsten wachsenden religiösen Bewegung überhaupt: der Pfingstkirchen in Asien, Afrika und Lateinamerika. An diesem Verantwortungshorizont gemessen wirkt das Zielszenario erstaunlich bieder, brav und provinziell. Eher „evangelisch in Deutschland“ als „Kirche der Freiheit im 21. Jahrhundert“, dem Motto in Wittenberg. Die Lösung „Wachsen gegen den Trend“ durch „Konzentration auf das Wesentliche“ nötigt daher zu einer Rückbesinnung.

 

„Folge mir nach“: nach dem Kongress ist vor der Reform

Im Ruf nach Reform ist nicht nur die Kirche der Reformation mit der Sache selbst konfrontiert, um die es geht. Jesus nahm mit seinem „Kehrt um!“ den Bußruf der jüdischen Propheten auf. Sein „Folge mir nach!“ ruft auch Leute die bleiben auf, sich denen neu zuzuwenden, die draußen, die unten, die fremd sind. So erfahren sie, wie Gott zu den Menschen kommt. Dieser Ruf in die Ferne kann froh machen, weil er die Augen öffnet, erst die Herzen und dann die Heimat verändert. Das Christentum hat diesen jüdischen Reformimpuls erst globalisiert und dann verweltlicht. Die reformatorische Glaubensfreiheit wurde zum Fortschrittsimpuls, der Kapitalismus und Sozialismus von innen bewegt hat, und der heute im Raumschiff Erde neu gedeutet werden muss. Die EKD ist zum Handeln aufgerufen, weil sie in Deutschland mit dem globalisierten Erfolg ihrer Ursprungsvision konfrontiert ist. Sie kann nur dann für andere wirksam werden, wenn sie zu dieser Sache selbst zurückfindet. Und es ist nicht nur für sie von Bedeutung, ob sie ihr orientierendes und bewegenden Potenzial wirklich neu entfalten kann.

Das Zukunftsszenario, zu dem die EKD von Wittenberg aus aufbrechen soll, wird von 12 Leuchtfeuern erhellt, die auf jedem Handlungsfeld den Kurs angeben. Wie immer man zu den genannten Zielzahlen steht: sie sagen kirchenunüblich genau, wer wo steht. Vielen Anwesenden signalisieren sie wohl vor allem: mich wird es nicht wirklich betreffen. „In Wittenberg wird kein Text korrigiert, sondern ein Prozess initiiert“, hoffen die federführenden Verfasser des Impulspapiers, die Oberkirchenräte Thomas Begrich und Thies Gundlach. Ein frommer Wunsch. Denn eine alte Reformerweisheit benennt auch eine kirchentypische Versuchung: Es macht viel mehr Spaß über Reformen zu reden, als sie durchzuführen. Ein Scheitern würde allerdings nicht auf wirklich kirchliche, sondern eher auf typisch deutsche Reformwiderstände verweisen.

Ein gelingender Aufbruch hingegen könnte weithin Zeichen setzen. Der Rat, so wie er ist, hat den Reformern einen Auftrag erteilt, zu dem sie sich das Mandat noch erkämpfen müssen. Die EKD kann den abgesteckten Kurs nur halten, indem sie unbeirrt Projekte fördert oder initiiert und quer zum Bestehenden vernetzt, die an Ort und Stelle in die ökumenische Weite des Christentums im Dritten Jahrtausend  weisen,. Seeleute wissen: Die spezifische Kennung eines jeden Leuchtfeuers ist definiert als charakteristische Abfolge von Hell- und Dunkelintervallen.

  

  

Qu: Nethöfel

Bild: Privat

Link: IWS Marburg

Der Artikel ist am 24.1.07 in der Frankfurter Rundschau erschienen.