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Tarifpartnerschaft könnte ein Weg in die Zukunft von Kirche und Diakonie sein

Sachsen-Anhalts DGB-Chef schreibt an EKD-Ratsvorsitzenden

 

Wittenberg, 25.1.2007

  

  

Tarifpartnerschaft könnte ein Weg in die Zukunft von Kirche und Diakonie sein.

Die Gewerkschaften sehen in einer Tarifpartnerschaft den Weg in die Zukunft für die Beschäftigten in Kirchen und Diakonie. Dies schreibt Sachsen-Anhalts DGB-Vorsitzender Udo Gebhardt an den Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) Bischof Wolfgang Huber.

Gebhardt heißt in seinem Brief vom Donnerstag (25.01.2007) die 300 Vertreter deutscher Landeskirchen zu Ihrem "Zukunftskongress" in der Lutherstadt Wittenberg willkommen und schreibt: "Wie beispielsweise die öffentliche Diskussion um die Fusion der Kirchenprovinz Sachsen mit der Landeskirche Thüringens zeigt, spielt das Votum der kirchlichen Angestellten keine unwesentliche Rolle. Trotzdem verweisen wir darauf, dass historisch erprobte und für die Zukunft taugliche Diskussions- und Streitregularien, wie sie in anderen Arbeitsmarktbereichen mit der Tarifpartnerschaft bestehen, in kirchlichen Strukturen weitgehend fehlen."

Zugleich beruft sich Gebhardt auf die vielfältigen Gemeinsamkeiten zwischen Kirchen und Gewerkschaften: das friedenspolitische Engagement, das Eintreten für Demokratie und Toleranz, den Schutz des Sonntages und nicht zuletzt die sozialpolitischen Ziele.

Gebhardt an Huber: "Christen sind für uns - um es in Ihrer Sprache zu sagen - Brüder und Schwestern in der Sache. Wir Gewerkschafter nennen das überaus wertschätzend solidarische Mitstreiter aus den Kirchen."

Gebhardt abschließend: "Wir hoffen, dass die Kirchen trotz allgemeiner Mobilität, trotz der Globalisierung von Warenwelt, Arbeitsmarkt und Medien ihren Platz in den Heimatgemeinden der Menschen erhalten bzw. neu gewinnen können."


Der Brief an den Ratsvorsitzenden der EKD im Wortlaut:

An den Ratsvorsitzenden der EKD Bischof Wolfgang Huber

EKD-Zukunftskongress

Wittenberg

Sehr geehrter Herr Bischof Huber,

der Deutsche Gewerkschaftsbund Sachsen-Anhalt freut sich, dass 300 kompetente Vertreter aus den evangelischen Landeskirchen in Wittenberg zu einem Zukunftskongress der EKD zusammenkommen.

Wir als Gewerkschafterinnen und Gewerkschafter heißen Sie in unserem Bundesland herzlich willkommen!

In der Lutherstadt Wittenberg befinden Sie sich an einem zentralen Ort der Kirchengeschichte und zugleich in einem modernen Gemeinwesen, in dem sich die Chancen und Probleme der Gegenwart und Zukunft exemplarisch abbilden. Die besonders angespannte soziale und beschäftigungspolitische Situation in Wittenberg, der Region Anhalt und den ostdeutschen Ländern ist im allgemeinen Bewusstsein.

In Ihren Impulspapier "Kirche der Freiheit" stellen Sie die Kirchen in einer historischen Umbruchsituation dar, die im Wesentlichen der gewerkschaftlichen Situation gleicht. Kirchen und Gewerkschaften sind gleichermaßen durch die rasanten gesellschaftlichen Veränderungen herausgefordert und suchen nach Perspektiven für ihre jeweilige Zukunft.

Wir als Gewerkschaften haben in diesem Prozess bisher mutmachende als auch zur Selbstkritik herausfordernde Erfahrungen gemacht. Die Kirchen müssen Ihren eigenen Weg für sich finden.

Der gesellschaftspolitische Auftrag, den der DGB von den Einzelgewerkschaften erhalten hat, legt es aber nahe, auf das Folgende hinzuweisen. In den Strukturen kirchlicher Dienste sind Gewerkschaften kaum verankert. Aber durch den "Kirchlichen Dienst in der Arbeitswelt", das gemeinsame friedenspolitische Engagement, das Eintreten für Demokratie und Toleranz, den Schutz des Sonntages und nicht zuletzt die Gemeinsamkeiten bei sozialpolitischen Zielen haben wir ein wertvolles, bereits traditionelles und positives Verhältnis zu den Kirchen. Christen sind für uns – um es in Ihrer Sprache zu sagen – Brüder und Schwestern in der Sache. Wir Gewerkschafter nennen das überaus wertschätzend "solidarische Mitstreiter" aus den Kirchen.

Zugleich wissen wir, dass viele Mitglieder der Gewerkschaften auch den Kirchen angehören und sich in den christlichen Gemeinden aktiv engagieren – insbesondere in ländlichen Regionen.

Vor diesem Hintergrund erlauben wir uns, darauf hinzuweisen, dass wir angesichts der auf Einsparungen zielenden Veränderungen in kirchlichen und diakonischen Einrichtungen die soziale Situation der Beschäftigten in diesen Einrichtungen im Blick haben. Wie beispielsweise die öffentliche Diskussion um die Fusion der Kirchenprovinz Sachsen mit der Landeskirche Thüringens zeigt, spielt das Votum der kirchlichen Angestellten keine unwesentliche Rolle. Trotzdem verweisen wir darauf, dass historisch erprobte und für die Zukunft taugliche Diskussions- und Streitregularien, wie sie in anderen Arbeitsmarktbereichen mit der Tarifpartnerschaft bestehen, in kirchlichen Strukturen weitgehend fehlen. Wir gehen davon aus, dass sich auch für die Kirchen damit ein Weg in die Zukunft eröffnen könnte.

Abschließend möchten wir als Gewerkschaften die Kirchen ermuntern, in der sogenannten "Fläche" weitestmöglich präsent zu bleiben. Auch wir als DGB sehen in aktiven Kirchengemeinden einen notwendigen gesellschaftlich stabilisierenden Faktor. Den Pastorenmangel auf dem "flachen Land" haben auch wir längst als Mangel wahrgenommen. Zentralisierungen und Effektivitätsberechnungen helfen kaum, wenn die Ansprechpartner in den Gemeinden vermisst werden.

Wir hoffen, dass die Kirchen trotz allgemeiner Mobilität, trotz der Globalisierung von Warenwelt, Arbeitsmarkt und Medien ihren Platz in den Heimatgemeinden der Menschen erhalten bzw. neu gewinnen können.

Wir wünschen Ihnen eine erfolgreiche Konferenz.

Mit freundlichen Grüßen

Udo Gebhardt

  

   

Qu: DGB Sachsen-Anhalt